Mittwoch, 6. April 2016

Ostern, die Zeitung, das Leben, Schlemmereien



Long time no see, irgendwie tobt gerade das echte Leben, da bleibt wenig Zeit und Energie hierfür übrig. Nun ja, hier bin ich wieder. Zum Reinkommen mit Bildern. Bisschen wie ein Comic statt  eines kryptischen Buches in Schriftgröße 4 auf hauchdünnen Papier.



Ostern (und überhaupt Feiertage, Wochentage, Alltagsbelohnung im weitesten Sinne) sind im Hause gudrunella ja eine willkommen Ausrede, um sich den Bauch vollzuschlagen. Zum Beispiel mit Bärlauch-Käse-Spätzle. Oberleckeres Zeug! Rezept folgt noch. Giftgrünes Essen, das lieblich nach Knoblauch duftet, wer schreit da nicht sofort Hunger und Nachschlag?!
Wahrscheinlich Menschen, die nicht noch ein bisschen Platz für Torte lassen müssen.
Das untere ist übrigens ein nach-österlicher Einblick in die slowakischen Ostertraditionen. So schade, dass mein Nachbar quasi kein Deutsch und ich definitiv kein Slowakisch kann. Seine Küchen-Skills sind auf jeden Fall hervorragend. Kennt sich da zufällig jemand aus und mag mir erzählen, was genau das alles ist?!




Meine erste Karfreitags-Prozession war einer von drei Zeitungsterminen, die über die Feiertage anstanden. Aber allesamt sehr schön und noch viel viel schöner: Zwei davon wurden mit Titelbildern gedruckt. Somit habe ich insgesamt schon drei Titelbilder! Bei meinem ersten war ich noch ohne Abo und musste vor lauter Stolz und Freude erstmal die Kiosk-Frau belästigen: "Sehen Sie das? Mein Bild, hab ich ganz alleine gemacht. Mein allererstes Titelbild." Die Arme, wusste gar nicht, was sie sagen sollte angesichts der crazy Lady, die wie ein Flummi mit der Zeitung wedelt.
Neben unanständiger Völlerei und Arbeit blieb netterweise auch noch Zeit zum Brunch mit lieben Freundinnen, die sogar eine Süßigkeitensuche organisiert hatten und ein bisschen faulem Rumgelese. Der zweite Joachim Meyerhoff ist durch, bei Frisch bin ich mittendrin. Das Thema ist nicht ganz einfach, da muss man schon in der Stimmung für sein.




Inzwischen hat mich der Schreibtisch wieder - nur ab und an führt der Weg über den Campus hieran vorbei. Jeden Tag ab neun in der Bib sitzen und manisch Bücherstapel durcharbeiten, bis am Ende des Tages der Kopf braust. Komisch, wie schnell die Zeit vorbei geht und wie wenig am Ende des Tages dennoch effektiv geschrieben ist. Wenn wir schon dabei sind: Warum endet man am Ende unweigerlich immer bei Freud, Foucault oder Platon? Darüber sollten wissenschaftliche Arbeiten geschrieben werden.

Montag, 14. März 2016

Madame Bovary - Gustave Flaubert


Madame Bovary
Gustave Flaubert
1856 erschienen


Titelbild von den Seiten des Suhrkamp Verlags.
454 Seiten


Madame Bovary schwebt förmlich über dem Literaturstudium. Da ist der eine Professor, der von den drei großen Frauenromanen - Anna Karenina, Effi Briest und Madame Bovary - erzählt (welche übrigens alle einen Ehebruch thematisieren). Dort der andere Professor, der nicht müde wird, den Erzählerwechsel zu erläutern und dass der Klassenkamerad aus Kapitel eins später nie wieder als Erzähler auftauchen wird.



Es war also nur eine Frage der Zeit, bis Emma (Madame Bovary) auch auf meinem Lesestapel landet. Umso schöner, dass ich vom Suhrkamp-Verlag ein Rezensions-Exemplar bekommen habe, was mir angesichts meines Mini-Blogs ungefähr drei Tage lang ein breites Lächeln bescherte.
Nachdem das Dauergrinsen vergangen war, lag das Buch, ehrlich gesagt, erst noch eine Weile. Unerklärlicher Respekt und die leise Befürchtung vor der altertümlichen, anstrengenden Sprache der Klassiker hat mich zögern lassen.



Dann die Überraschung, eine wundervolle Sprache, ebenso wundervoll übersetzt (Maria Dessauer). Sätze klar und  funkelnd, eine wahre Freude.

"Eines Tages trat er gegen drei Uhr ein; alle Welt war auf den Feldern; er trat in die Küche, bemerkte Emma aber zuerst nicht; die Wetterläden waren geschlossen. Durch die Ritzen des Holzes zog die Sonne über die Fliesen lange dünne Lichtbahnen, die sich an den Kanten der Möbel brachen und an der Zimmerdecke zitterten. Auf dem Tisch liefen Fliegen an benutzen Gläsern empor und summten, wenn sie am Grund im restlichen Apfelwein versanken. Das durch den Kamin einfallende Licht verlieh dem Ruß auf den Herdplatten Samtglanz und färbte die kalte Asche bläulich." (S. 34f)

Eine mehr oder weniger willkürliche Stelle, einfach nur, um zu zeigen wie dicht Flaubert die Atmosphäre schildert und wie schön das alles ist.
Sogar Emma ist schön. Jung verheiratet mit dem Landarzt Charles Bovary und unglücklich über die Einfachheit des Dorflebens und das Fehlen des von ihr erhofften sozialen Aufstiegs. In all ihrer Sehnsucht nach Liebe und Geld und Luxus wird sie seltsamerweise nie unsympathisch. Stattdessen habe ich mit ihr gelitten und die Erfüllung all ihrer Träume gewünscht.

"Bedurfte die Liebe nicht, ähnlich den irdischen Pflanzen, eigens bereiteter Böden, einer besonderen Temperatur? Die Seufzer im Mondschein, die langen Umarmungen, die Tränen auf den Händen, von denen man sich löst, alles Fieberschauern des Fleisches und alles Schmachten der Zärtlichkeit war also nicht zu trennen von den Balkonen der großen Schlösser und ihrer Muße, vom Boudoir mit den Seidenvorhängen und Teppichen, von den vollen Blumenständern, einem auf der Estrade stehenden Bett oder vom Funkeln der Edelsteine und von den Achselschnüren der Livreen." (S. 81)


Auch die Gesellschaft wird aufs Korn genommen, genau beobachtet und geschildert. Die Liebe zum Detail geht bis in die Nebenfiguren. Für langsame Leser ist das vielleicht ein bisschen zäh, ich bin glücklicherweise schnell und konnte auch das genießen. Weniger willkürlich noch eine Stelle zur Gesellschaft und den Konventionen am Beispiel von Emmas Gedanken zum Wunschgeschlecht ihres Kindes:

"Ein Mann ist zum mindesten frei; er kann Leidenschaften und Länder durcheilen, Hindernisse überwinden, nach den fernsten Glücksgütern greifen. Eine Frau dagegen wird immerfort daran gehindert. Passiv und beweglich zugleich, hat sie die Schwäche des Fleisches und die vom Gesetz bestimmten Abhängigkeiten gegen sich." (S. 119)

Das Titelbild entstammt ja der Neuverfilmung von 2014. Ist die denn sehenswert?

Dienstag, 8. März 2016

Brot und Rosen

Heute ist also Weltfrauentag - Brot und Rosen forderten einst die Gewerkschaftlerinnen und meinten damit, dass mehr als nur ein gerechter Lohn notwendig ist. Ich habe heute Rosen gekauft und das Wochenende Revue passieren lassen, das die Frage ob und warum es diesen Tag (noch) braucht ziemlich eindeutig beantwortet.


Das mittelgroße Kaff, für dessen Zeitung ich schreibe, hat bereits am Wochenende mit Veranstaltungen begonnen.
Also stand ich pünktlich und mit großen Erwartungen am frühen Samstagmorgen im immerhin zweitgrößten Veranstaltungsraum der Stadt. Nur eine Stunde später bin ich, sehr desillusioniert, wieder von dannen gezogen. Vielleicht ist es einfach Pech Termine zu bekommen,  deren Themen einem am Herzen liegen und man kann unter diesen Bedingungen nur enttäuscht werden. Oder aber, und das erscheint mir wahrscheinlicher: Die Veranstaltung war tatsächlich schlecht. 
Insgesamt vier Gruppen stellten sich vor, darunter auch der Deutsche Hausfrauenbund, der über die Hälfte der Ausstellungsfläche einen Flohmarkt veranstaltete und sein Engagement zur Stärkung der Hausfrauenrechte bekannte.  
Die Dachorganisation brachte aus dreierlei Farben gebastelte Papier-Blumen unter die Menge, auf deren Blätter die nächsten Sitzungstermine versammelt waren und eine dritte Gruppierung verkaufte Kaffee und Kuchen. 
Schon auf dem Weg aus dem Gebäude schrieb ich an Freundinnen: "Man hätte so tolle Sachen organisieren können, Vorträge, Kurse, alles mögliche. Stattdessen basteln, shoppen und Kaffeeklatsch. Traurig, dass ausgerechnet an diesem Tag nochmal alle Klischees bedient werden."

Abends fand (ohne Bezug zum Weltfrauentag) der traurige Abgesang statt.
Ein schwäbischer Kabarettabend nach Hausfrauenart hieß es. Gefühlt war Mario Barth in eine schwäbische Hausfrau gesteckt worden. Klingt minimal anders, ist aber unterm Strich ein und derselbe Unsinn.
Alle Frauen quasseln die ganze Zeit ohne Punkt und Komme, lästern über die Verwandt- und Bekanntschaft, gehen gemeinsam auf Klo und im Zweifelsfall lieben sie Inneneinrichtung und stellen alles voller Nippes, Deckchen und Duftkerzen ("Isch die Hütte noch so kloi, bissel Kruscht passt immer nei.")
Am schlimmsten: Die gesamte Halle brüllt vor Lachen, ist ja schließlich alles "so aus dem Leben gegriffen."


Gut, dass heute Weltfrauentag ist. Gut, dass an der ein oder anderen Stelle nochmal das Augenmerk darauf gelegt wird, dass eben nicht alle Frauen immer gleich sind und alles Männer immer so und so. Gut, dass Alltagssexismus, Feminismus, Gewalt gegen Frauen, Gleichberechtigung und und und nochmal genauer betrachtet werden. 

Wer noch weiterlesen möchte kann zum Beispiel hier oder hier noch fündig werden. Einen schönen Link zum Thema rape-culture und alleine reisen hat mir neulich eine Freundin geschickt. Hier entlang.
Die Dauer-Empfehlung für den Lila Podcast kann gar nicht oft genug wiederholt werden. Weltgeschehen und Debatten werden aus feministischer Sicht besprochen - unaufgeregt, reflektiert und fundiert hat mir dieser Podcast viel beigebracht.

Dienstag, 1. März 2016

Alltagsschnipsel im Februar

Die Landtagswahl in Ba-Wü naht in großen Schritten, was unter anderem zu Gesprächen wie diesem führt:

Trulla von irgendeinem Umfrageinstitut (Ferndiagnose: blonde Strähnen, Hello-Kitty-Handyhülle):
"Ja guten Tag, Frau gudrunella. Ich rufe vom Institut Sowieso aus Tüdeldü an mache eine Umfrage zur LandStagswahl. Könnten Sie bitte ein paar kurze Fragen beantworten.
Wissen Sie schon, was Sie bei der diesjährigen LandStagswahl wählen wollen? Was haben Sie denn bei der letzen LandStagswahl gewählt? Laut bisherigen Umfragen zur LandStagswahl....."

Frau gudrunella (Nahdiagnose: Mit dem Klingeln aufgewacht, sämtliche Erkältungspestbazillen auf sich vereinigt, inzwischen 11 Semester Politikwissenschaft hinter sich, nach dem fünften falschen Fugen-S eventuell ein bisschen grantig.):
"Entschuldigung, aber es heißt Land-Tags-Wahl. Land-Tags-Wahl! Das funktioniert so nicht, wenn Sie das falsch sagen."

Umfragetrulla: (kichert, ungefähr eine halbe Oktave höher als zuvor, was an sich schon erstaunlich ist) "Oh, das muss an der Verbindung liegen. Wir sind dann auch am Ende."

Zack - aufgelegt.
Ewig schade.


Februar ist Fastenzeit, in meinem Fall Zucker fasten. Oder in anderen Worten: In meinem Fall schlechte Laune. Vor allem momentan finde ich das sehr genussfeindlich und überhaupt nicht bereichernd. 
Zum Ausgleich gegen die schlechte Laune ist der Zweitvorsatz jede Woche einen Brief zu schreiben. Altmodisch von Hand - mit Füller und zur Post tragen. Ich finde WhatsApp großartig, keine Frage. Aber ich hoffe sehr, dass die sechs Auserwählten, die mit meinen Ergüssen bedacht werden, sich freuen auch abseits der schnellen Kommunikation mal von mir zu hören. Und es lenkt immerhin für kurze Zeit vom Zuckerwunsch ab.


Neulich wurde ich gefragt, ob ich Morgen- oder Abendduscher sei.
Und ja, im Allgemeinen überzeugter Morgen- und Heißduscher. Inclusive krebsroter Haut und durchdringender Einsingübungen. Ausnahmen bestätigen die Regel. Letzte Woche zum Beispiel. Um kurz vor acht aufwachen (Man sollte ja meinen, ein Körper, der um halb elf schlagen geht, wacht spätestens um sieben von allein auf. Meinem hingegen entlockt das nur ein müdes (Wortwitz!) Lächeln.) und sehen, dass die Babysittermama Notfall funkte und mich um acht erwartete. Da war logischerweise nicht viel mit duschen, da reichte es gerade noch um in die Klamotten vom Vortag zu hüpfen (inclusive der Knete- und Tesareste, die von der vorrätigen Bastel-Session noch klebten). 

Nun ja, long story short: Der letzte Monat war sehr babylastig.
Aber, und das ist sehr schön: Zweimal bin ich direkt von den Babys ins Theater gefahren. Nachdem ich neulich festgestellt habe, dass ich trotz großer Liebe zu den Bühnenkünsten sehr selten gehe, habe ich kurzentschlossen zwei Tickets gekauft. 
Das Ingolstädter Stadttheater liegt nur eine halbe Stunde von der Unistadt entfernt und trotzdem war ich davor noch nie. Ehrlich gesagt, wird es wohl auch bei den zwei Malen bleiben. Es war eine nette Abendunterhaltung, keine Frage und allein die klassische Inszenierung der Stücke war angenehm. Aber letztlich vor allem schauspielerisch halt doch "nur" Ingolstadt. Schade, wenn gleichzeitig tanzen und singen zu schwierig wird. Und auch schade, wenn einen Inszenierung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner des Untenrum-Humors setzen muss. 
Aufruf: Geht mehr ins Theater, aber investiert vielleicht lieber das Geld für ordentliche Tickets. Lohnt sich!

Mittwoch, 24. Februar 2016

Alle Toten fliegen hoch. Amerika

Eigentlich ist Joachim Meyerhoff Schauspieler. Nebenbei aber auch ein großartiger Erzähler. In Bühnenprogrammen berichtete er über die Geschichten seiner Jugend, die in insgesamt drei Teilen auch als Buch erschienen sind.
Alle Toten fliegen hoch. Amerika ist der erste Teil und hat mir, soviel sei jetzt schon verraten, ausnehmend gut gefallen.
Nach drei Seiten musste ich zum ersten Mal laut kichern. Bei meinem Bruder, den ich dem selben Test unterzog ging es noch schneller.
Nach den nächsten 30 Seiten erkannte ich mich in der Beschreibung dieses ekligen Gefühls ein unfähiges Landei unter urbanen, hippen Menschen zu sein wider. Nicht schön übrigens. Und woher bekommen die nur alle ihr unfassbares Ego?
Nach der Hälfte war ich erschüttert und nach den letzten Seiten habe ich mir den zweiten Band ausgeliehen.


Erzählt wird (vielleicht komplett biographisch, vielleicht auch weniger) die Geschichte des 18-jährigen Joachims, der 1985 für ein Austauschjahr nach Amerika geht. Der Ich-Erzähler berichtet witzig, leicht und flüssig. Lakonisch und liebenswert blickt er mit jugendlichem Charme auf die Welt. Er mischt die aktuellen Erlebnisse mit Berichten aus seiner Kindheit mitten in der schleswig-holsteinischen Pampa mit zwei großen Brüder, die ihn mal drangsalieren, mal retten. Brüder eben. 
Dann die Geschehnisse in Amerika: Schwankend zwischen Heimweh und dem Genießen der neuen Freiheiten. Die Aufnahme ins Basketball-Team, Whirlpool-Partys, amouröse Verwicklungen und Erfahrungen, ein Besuch im Todestrakt und so weiter und so fort. Ein Geschichtenerzähler im besten Sinne, mit Alltäglichkeit neben beinahe bizarren Begegnungen.
Einer der größten Vorzüge des Romans ist die liebevolle Erzählhaltung. Ganz ohne Urteile über frühere Ansichten und möglicherweise Dummheiten, ohne das Verurteilen der teilweise aberwitzigen Kleinstadt-Persönlichkeiten Wyomings. 


Das Buch startet anekdotenreich, die Handlung selbst nimmt in Amerika an Fahrt auf. Und dann, völlig unvermittelt, so brutal, wie nur das echte Leben sein kann offenbart sich die ganze Fragilität des Daseins. Damit verändert sich auch das Lesen, rutscht in eine tiefere Schicht, geht unter die Haut. Ab diesem Zeitpunkt saß ich völlig gebannt vor dem Buch und habe es letztlich in einem Rutsch beendet.  Ich will nicht spoilern, daher dazu nicht mehr. Beeindruckend ist jedoch, wie der Autor es auch dann noch schafft seinem Ton treu zu bleiben. Glaubhaft beim Jugendlichen bleibt, der seinen eigenen Weg findet. 

Die wunderbare Iris Radisch hat übrigens auch einen Kommentar dazu.

Sonntag, 21. Februar 2016

Die ganze Welt ist himmelblau

Zum Geburtstag habe ich ein paar Tage Skifahren bekommen. Ein großartiges Geschenk getreu dem Motto Zeit statt Zeug. Toller Schnee, großartiges Wetter, Muskelkater, Germknödel, nette Gesellschaft, rasante Fahrten auf dem Porutscher und viel, viel Spaß inclusive.
Kurz davor war ich im Theater (dazu an anderer Stelle nochmal mehr) und der "Die ganze Welt ist himmelblau" - Ohrwurm hätte nicht passender sein können.



Ich habe nicht viele Skitage. Letztes Jahr ein Tag, davor 2013 ebenfalls einer. Also weit entfernt von Übung. Meine erste Liftfahrt ist jedes Mal aufs Neue gekennzeichnet durch ordentlich Respekt. Dann passiert eine ganz wundervolle Verwandlung, die mich immer wieder fasziniert und überrascht. Während der Kopf noch über Berg- und Talski nachdenkt, Kurven vorausplant und krampfhafte Stoßgebete verfasst, wissen die Beine schon wieder wie es geht. Dieses Körpergedächtnis ist eine tolle Sache.
So schrecklich die ersten fünf Minuten jedesmal wieder sind, so schön ist es danach (also bevor mittags dann die Kraft ausgeht). Dieses Gefühl mit Kraft und Schwung durch wunderschön verschneite Berge zu sausen, während die kalte Bergluft an den Wangen prickelt, ist einfach unbezahlbar. Alleine für die Luft und echten Schnee lohnt es sich für Winterkinder wie mich ja schon in die Berge zu fahren. 



Was mich außerdem immer wieder sehr fürs Skifahren einnimmt ist das angenehme Körpergefühl. Hautenge Hosen und Oberteile, die unbedingt dem letzten Schrei entsprechen müssen, gehören zum Uni-Weiber-Traumfigur-Hüpfkurs und stören dort nicht einmal. 
Beim Skifahren hingegen sehen einfach alle aus wie kleine Tonnen mit voluminösen Hosen und dicken Jacken. Alle haben (danke Helm!) einen Eierkopf, glänzenden Sonnenschutz im Gesicht und einen Gang, der, selbst euphemistisch betrachtet, höchstens noch als Gegenteil zur Ballerina durchgehen kann und eigentlich mehr aus durchdringendem Stampfen besteht als aus allem anderen. 
Sonnencrememäßig war ich dank einer lieben Freundin (Huhu nach England!) perfekt ausgerüstet. Im Alltag ist sie mir zugegebenermaßen etwas zu glänzig und reichhaltig. Eigenschaften, die beim Skifahren aber perfekt sind. Einmal morgens und einmal mittags cremen haben mich völlig unbeschadet wieder nach Hause gebracht. 



Am Ende des zweiten Tages sagte meine Sitznachbarin beim Abwärtsliften: "Alle sind wieder gut runtergekommen und schön wars auch." Ein Einstellung, die ich mir zum Vorbild nehmen möchte. Genau die richtige Mischung aus Respekt (immerhin ist am selben Tag jemand in acht Metern Höhe aus dem Lift gefallen und der Hubschrauber musste jemand anderen abtransportieren) und sorgloser Dankbarkeit.

Montag, 15. Februar 2016

Auf den Nadeln

Neulich wurde ich ja schon gefragt, was aus der französischen Mohairwolle wurde. Ich würde das an dieser Stelle gern elegant unter den Tisch fallen lassen (Ich bin aber vermutlich nicht der einzige Stricker, der wahllos Projekte beginnt und Wolle kauft, oder?) und stattdessen vom neusten und aktuellen Gestrick schwärmen. In den Weihnachtsferien habe ich die Wolle für einen von oben nach unten gestrickten Pullover gekauft. Mit Raglanärmeln, Patent und lockerem Schnitt sah das gute Stück so kuschelig aus, dass ich nicht widerstehen konnte.


Das hier ist die Anleitung, die ich mit der Originalwolle in rot, stricke. Allerdings verwende ich eine geringere Nadelstärke, die aber trotzdem noch ein sehr lockeres Strickbild ergibt. Mit 77% Alpaka ist die Wolle schmuseweich und das Stricken ist ein wahres Vergnügen. Die anderen 23% sind Seide, die einen dezenten Schimmer mit sich bringt. Mit dicken Nadeln und einem einfachen Muster geht das Stricken erwartungsgemäß schnell. Eine Staffel Suits und ein halber Pullover sind schnell zu schaffen. Empfehlung für beides - auch wenn Suits eher Lust auf Bleistiftröcke und strenge Blusen macht.


Die Bilder habe ich vor ein paar Tagen schon photographiert (Ich bringe es einfach nicht über mich das mit f zu schreiben. Wie doof sieht denn bitte fotografiert aus?). Dazwischen lagen ein paar Tage Skifahren mit abendlichem Stricken auf der Hütte, so dass ich inzwischen nicht mehr unter den Armen sondern an der Taille bin. Entgegen der Anleitung, die keine Abnahmen vorsieht, habe ich dort nun Abnahmen eingearbeitet, um anschließend nicht allzu kastig auszusehen. 
Rottöne sind ja bekanntermaßen schwer zu treffen. Tendenziell liegt die Wahrheit wohl eher bei Bild 3. Ein schöner, leuchtender Ton aber dennoch nicht zu kalt.


Ein Glücksfund im Internet ist übrigens dieser Blog. Ich mag es ja sehr, wenn Stricken, modern, hell, klar und in schönen Bildern repräsentiert wird. In diesem Sinne gehe ich mich jetzt verlinken, um dann weiter dem Strickvergnügen zu frönen. 

Freitag, 5. Februar 2016

Gelesen im Januar

Woran kann man erkennen, dass der Februar mit Pauken und Trompeten losging? Wenn die Januar-Bücher erst am fünften kommen! Nach dem entspannten Lesestart ins Jahr ging es schon sehr schnell wieder los mit Uni, Zeitung (Fasching...) und viel zu wenig (Lese-) Zeit. Trotzdem schöne Sachen dabei:


Der Ruf des Kuckucks - Robert Galbraith
Ein guter Krimi, den ich in einem Rutsch an zwei Tage durchgelesen hatte. Der kleine Literaturwissenschaftler in mir hat lange Zeit über die Schulter mitgelesen, hat nach typischen Formulierung, dem Harry-Potter-Stil, Ausschau gehalten. Nach einer Weile konnte ich ohne den nervigen Knilch einfach nur noch die Geschichte genießen.
Ich mag ja Schilderungen von Beziehungen und fand die Passagen, in denen Cormoran und Robin privat sind auch immer sehr spannend. (Neulich erst fiel mir auf, dass sich im Harry-Potter-Universum Wissenschaft und Beziehung wohl auszuschließen scheinen, schließlich hat keiner der Professoren eine feste Partnerschaft, sondern nur die Elternfiguren.)
Die Geschichte ist ein klassischer Krimi. Ein Model stürzt aus dem Fenster und ihr Bruder glaubt nicht an die Selbstmord-Drogen-Variante. Er engagiert den kriegsversehrten Privatdetektiv Cormoran Strike, der mit spannender Familiensituation, gescheiterter Beziehung und der bezaubernden Kurzzeit-Sekretärin Robin und mit guter alter Detektivarbeit (Nachforschen, rumfragen und ermitteln) den Fall schließlich löst. Rechtschaffene, fleißige Menschen, die erfüllte Arbeit für ein mögliches Rieseneinkommen stellen sind ja nie schlecht als Hauptfiguren.
Die weiteren Teile sind gerade ganz oben auf der Anschaffungsliste.
Wurde bei Lady Himmelblau neulich auch rezensiert und ich fand mich in vielem wieder.

Der große Gatsby - F. Scott Fitzgerald
Eine Empfehlung von einem Kommilitonen, der es mir mit den Worten "Hab ehrlich kein Buch gelesen, dass Einsamkeit, Sehnsucht und Vermissen anschaulicher und schöner beschreibt." ans Herz gelegt hat. Tatsächlich sind die Passagen über Gatsby, über den Traum seine große Liebe zurückzugewinnen die Stellen, in denen das Buch meiner Meinung nach seine größte Qualität hat. Das erste Zusammentreffen der Beiden ist im besten Sinne erschütternd.
Ich darf an dieser Stelle zitieren: "Er hat die Hoffnung nie aufgegeben. Grandioser Charakter. Bis hin zur Selbstaufgabe; alles, was er ist, und alles, was er macht, tut er für sie. Sehr extreme Form der Liebe, aber ich finde die Vorstellung sehr beeindruckend. Und das er das Luftschloss so prächtig und groß und wunderschön baut, dass Daisy gar nicht die Chance hatte, seine Erwartungen zu erfüllen, das ist das Tragische."
Dem kann man nichts mehr hinzufügen. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich zwischendurch mit der Gesamtstimmung haderte -  dieser seelenlosen, obszönen Welt der Reichen. Die Sinnlosigkeit, die sie in ihrem Leben spüren und nicht zu füllen vermögen, zieht sich durch das Buch und zumindest mich als Leser an mancher Stelle mit nach unten. Nichtsdestotrotz: "Verdientermaßen einer der bedeutendsten Romane der USA". Danke für die Empfehlung!

Wir Alphamädchen! - Meredith Haaf, Susanne Klinger, Barbara Streidl
Hier habe ich schonmal anklingen lassen, dass ich trotz inhaltlicher Zustimmung eigentlich eher enttäuscht war. Zum Einen lag das am sehr pauschalisierten Kindergartenstil: "Alle jungen Frauen wollen heute das Gleiche, nämlich: genausoviel verdienen wie Männer, die gleichen Aufstiegschancen, einen gleich großen Anteil an der Macht in unserem Land und nicht vor die Entscheidung ≫Kind oder Karriere≪ gestellt werden." Und zum zweiten am furchtbaren Wir: "Wir wollen aber auch nicht länger auf irgendwelchen Sockeln herumstehen. (...) Wir wollen kein Frauen-Ghetto (...) Wir Frauen von heute, wir Alphamädchen". Vielleicht gefällt das 14-Jährigen aber im Zweifelsfall fehlen mir (uns ;)) da Fußnoten und zumindest der Ansatz von wissenschaftlich-klarem Stil.
Inhaltlich wird unter den Punkten "Identität, Sex, Medien, Demografiedebatte, Macht" einmal ein Spaziergang durch die wichtigsten Themen unternommen. Von medialen Frauenbildern bis zur kurzen Geschichte des Feminismus, von Mutterschaft bis Pornographie. Die Suche nach dem idealen Einführungsbuch, das man verschenken, empfehlen und weitergeben kann geht also weiter. Gibts da draußen irgendwelche Tipps?

Die Traumnovelle - Arthur Schnitzler
Masterarbeits-Lektüre. Mal wieder Ehebruch. Diesmal in Wien, 1925. Fridolin und Albertine sind auf den ersten Blick glücklich verheiratet. Auf den zweiten Blick hingegen lauern erotische Wünsche, Träume und Sehnsüchte, die sie voneinander entfernen. Albertine hatte nie die Gelegenheit Erfahrungen zu sammeln, Fridolin nimmt sie sich immer noch. Eine Nacht lang irrt er durch Wien, wird mit seinem Unterbewusstsein konfrontiert, durchlebt verschiedene Episoden mit verschiedenen Frauen. Nie kommt es zum Äußersten, dennoch entfernt er sich innerlich immer weiter von Frau und Kind. Ganz nach Freud finden die Beiden wieder zusammen, nachdem sie sich dem Unterbewussten stellen und es auf die Ebene des Bewussten heben.
Der Plan für nächste Woche ist, es die ein oder andere Arbeitshypothese zu überprüfen und Sekundärliteratur zu wälzen, um mehr über Schnitzlers Leserführung herauszufinden.

Donnerstag, 28. Januar 2016

Eisiges Chutney


Letztes Wochenende, als es noch klirrend kalt war und überall noch Schnee lag, wollte ich für den alljährlichen Januar-Geburtstagsreigen noch eine selbstgemachte Kleinigkeit zum Verschenken machen. Entschieden haben ich mich letztlich für ein Zwetschgen-Chutney, obwohl ich lange schwankte und fast Karotten-Knoblauch-Chutney ausprobiert hätte. Leider war ich für diese Kombi dann doch zu feige, aber kann ja noch kommen.


Dafür bin ich hochgradig in die Bilder verliebt. Ich habe direkt vor dem Fenster mit dem allerletzten Restchen Tageslicht photographiert, dass ganz eisig auf den Schnee traf, der reflektiert hat und zusammen mit den gefrorenen Zwetschgen ergab das dieses kühle, blaue Licht.
Kennt ihr das noch von früher zu Kindertagen, aufwachen und schon am veränderten Licht erkennen können, dass es in der Nacht geschneit hat? Funktioniert eigentlich immer noch, wenn ich ehrlich bin. Sehr schön auch bei Dachfenstern, wenn es gar nicht richtig hell wird, weil so eine dicke Schicht Schnee  der Sonne den Weg versperrt. Hach, Winterkind durch und durch.


Mehr oder weniger frei nach diesem Rezept:
500 gr. gefrorene Zwetschgen
3/4 mittelgroße Zwiebel
ca. 2 cm Ingwer
3 ausgepresste Orangenhälften
50 ml Essig
einen Rest Rosinen
einen Rest Mandeln
25 gr. Rohrzucker
ein bisschen Chili
Zimtstange

Zwetschgen grob schneiden, ebenso die Zwiebel und den Ingwer. Je nach Größe der Ingwerstückchen  verteilt sich die Schärfe. Alles zusammen in einer großen Pfanne etwa 30-40 Minuten simmern lassen, bis die Flüssigkeit verdampft ist. Danach in kleine Gefäße umfüllen und zu Käse, Fleisch oder einfach auf Brot schmecken lassen.
Geschmacklich ist es übrigens alles andere als eisig, sondern pflaumig, zimtig, überraschend scharf und würzig, fancy Zeug!


Sollte ich es in nächster Zeit noch irgendwie schaffen die Verständigung mit meinem slowakischen Nachbar über Winken und Grinsen hinaus zu verbessern kann ich hier schonmal anteasern: Es wird wunderbar leckeres, winterliches, rosa, vegetarisches Borschtsch nach seinem Rezept geben. Ich versuche meine Bestes, um mein Anliegen kund zu tun und das Rezept aus ihm herauszulocken. 

Montag, 25. Januar 2016

Alltagsschnipsel im Januar


Der Januar ist in meiner Familie und in meinem Freundeskreis der Geburtstagsmonat schlechthin. Um Januaralltag anschaulich zu demonstrieren, würden eigentlich Bilder von Kaffeetafeln, vielen Glückwunschkarten und regelmäßigen Paket-Gängen zur Post ausreichen. Ein Glück, dass die Zeitung ein sehr faschingsaffines Lesergebiet hat und so für den ein oder anderen Aufreger sorgt. So geschehen am Wochenende, beim Umzug, dessen größter Vorteil die ganze Seite war, die daraus entstand. 
Faschingsvorurteile hin oder her, solange sich die Menschen nur gepflegt betrinken, fragwürdige Outfits zu noch fragwürdiger Musik tragen bin ich pflegeleicht. Vermummte Hexen auf Umzügen, die deutlich ablehnende Mimik und Gestik völlig ignorieren, umarmen, Haare verwuscheln und Unmengen Konfetti bis in die Haarwurzel einmassieren hingegen sind dann doch sehr weit außerhalb der Komfortzone. Kurz gesagt: Fasching hin oder her, möchte ich selbst entscheiden, wer mich anfasst und komplett maskiert ist das per se indiskutabel.


Sehr viel schöner sind die ganzen Neujahrsempfänge, die im Januar stattfinden. Darunter der Frauenneujahrsempfang, der für nachhaltige Begeisterung im Hause gudrunella sorgte. Feminismus findet nicht nur in Berlin und im Internet statt, wie ich ignorant vorher vermutet hatte, sondern tatsächlich auch in baden-württembergischen Kleinstädten. Da wird Antje Schrupp zitiert, völlig selbstverständlich mit Begriffen wie "Patriarchat" oder "normativer Heterosexualität" jongliert und kluge, witzige und schöne Frauen halten tolle Vorträge, haben fundierte Meinungen und Ideen,
Etwas, das ich sonst vor allem im Netz finde oder zum Beispiel im von mir hochgeschätzten lila Podcast, den ich jedem nur empfehlen kann. Zwei der Podcasterinnen haben auch im Buch "Wir Alphamädchen" mitgeschrieben. Dementsprechend stand das Buch schon lange auf der imaginären Liste und umso trauriger ist es, dass ich inhaltlich zwar in 90% der Aussagen völlig mit den Autorinnen übereinstimme, aber Stil und Sprache das Lesevergnügen erheblich verringern. "Wir" und "Mädchen" aus dem Titel wurden leider etwas sehr wörtlich genommen und die Krankenschwesteransprache "Wir Frauen wollen, Wir Frauen dies, Wir Frauen das" nervt spätestens nach einer halben Seite nur noch. Dazu bald noch mal mehr und ausführlicher.
Nach dem Neujahrsempfang der Frauen ging es übrigens direkt weiter zu dem der Landfrauen. Kontrastprogramm par excellence. Von einer tollen A Capella-Kombo, die mir hiermit einen ausgewachsenen Ohrwurm beschehrt hat zum Mundharmonika-Orchester der Landfrauen, das tapfer und schrill gegen das Playback anpustet. :)


Ganz und gar unalltäglich hingegen ist dieser Blumenstrauß, der tapfer gegen das Nebelgrau vor dem Fenster anleuchtet. Ein sehr überraschendes Geschenk und Zeichen einer Galanterie, von der ich dachte, sie sei mit den schwarz-weißen Filmen ausgestorben. Instantly war ich in Grace Kelly, Katherine Hepburn und Ginger Rogers in einer Person, wünschte mich in ein schwingendes Kleid, mit einem perfekt aufgetragenen Lippenstift und elegante Schuhe statt unterwegs mit einer unförmigen Arbeitstasche und ausgewaschener Jeans. 
Ideale Gelegenheit mal wieder einen Cary Grant Film herauszukramen und gegen das nasskalte Grau  und Grau anzuschmachten.

Zu guter Letzt noch zwei schöne Links:
Saša Stanišić, dessen "Wie der Soldat das Grammophon reparierte" gerade auf meinem Nachttisch-Bücherstapel liegt sagt sehr schöne Dinge und zitiert kluge Menschen: 

Bilder aus der Sicht von Schauspielern, prachtvolle Zuschauerräume und mein neues Desktopbild: